Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.
malschauen2

FAKTENCHECK - Warum bekommen unsere Obdachlosen nur Schlafsäcke und Flüchtlinge warme Quartiere? Und wurden Flüchtlingsquartiere für obdachlose Menschen benötigt?

Aus aktuellem Anlass poste ich meinen Text vom 20.1. nochmals, habe aber einige Punkte aktualisiert und genauer erklärt. Etliche obdachlose Menschen haben auch heute Nacht draußen geschlafen. Immer wieder fragen mich Menschen, warum es für geflüchtete Menschen Quartiere gibt und für obdachlose Menschen nur Schlafsäcke. Am Wochenende wurde diese Information auch empört in den sozialen Medien verbreitet und auch in Zusammemhang mit der vom Innenminister zugesagten Öffnung der Flüchtlingsquartiere des Bundes für obdachlose Menschen gebracht.

Vorweg: Ich finde die Frage durchaus berechtigt, weil die Antwort nicht unbedingt einfach nachzuvollziehen ist, zumindest auf den ersten Blick.

In Wien gibt es vom Fonds Soziales Wien gemeinsam mit vielen Hilfsorganisationen wie der Caritas mehr als 4500 Wohnangebote, Zimmer, kleine Wohneinheiten, WGs für wohnungslose Menschen. D.h., Menschen - die aus unterschiedlichsten Gründen keine Wohnung haben und sonst akut obdachlos wären oder unter schwierigsten Verhältnissen leben müssten (bei Frauen spielt oft Gewalt eine große Rolle)

Jetzt im Winter werden auch die Notquartiersplätze für akut obdachlose Menschen massiv aufgestockt. Das passiert nicht nur in Wien, sondern in mehreren Landeshauptstädten. Auch wir als Caritas haben in Wien eine Reihe von neuen Notquartieren, etwa in einer ehemaligen Polizeistation bei der U-Bahn Station Meidling eröffnet. Heute Nacht standen allein in der Bundeshauptstadt 1275 Notquartiersplätze zur Verfügung, denn jede und jeder, die/der einen warmen Schlafplatz braucht, soll diesen auch erhalten. Niemand soll in Wien auf der Straße frieren und erfrieren müssen. ca 1200 dieser Betten wurden auch heute Nacht von obdachlosen Frauen, Männern und Kinder genutzt - sie haben drinnen im Warmen geschlafen, ca 75 Betten blieben frei.

Warum also gibt es freie Plätze und trotzdem schlafen Menschen draußen? Machen sie das freiwillig?

1) Niemand lebt freiwillig auf der Straße, aber es gibt gute Gründe, warum Menschen auch heute Nacht draußen bei Minusgraden geschlafen haben.

2) viele obdachlose Menschen schämen sich Hilfe anzunehmen

3) viele Menschen sind psychisch krank und obdachlos

4) viele obdachlose Menschen können sich nach Jahren auf der Straße gar nicht mehr vorstellen in einem Bett oder Zimmer zu schlafen

5) vereinzelt gibt es Engpässe bei Plätzen z.B. für Paare oder obdachlosen Menschen mit Tieren - zuletzt war das in Wien nicht der Fall

Umso wichtiger sind unsere mobilen Angebote, auch gestern Nacht war die Freiwilligen des Canisibus unterwegs und haben warme Suppe verteilt, im Jahr 2017 waren das mehr als 90.000 Schüsseln Suppe. Auch das Sozialarbeiterteam des Kältebus und am Hauptbahnhof war im Einsatz. Sie verteilen Schlafsäcke, Hauben, Handschuhe, Winterjacken, Socken, Winterschuhe. Sie gehen und fahren den Hinweisen der AnruferInnen nach, die die Nummer des Kältetelefons wählen. Jetzt in der Früh, in diesen Minuten kommen die ersten Menschen in die Tageszentren der Gruft und zweiten Gruft zum Aufwärmen und in die Wärmestuben in den Pfarren.

Stimmt es also, dass die Caritas geflüchtete Menschen Wohnungen zur Verfügung stellt und obdachlose Menschen nur Schlafsäcke erhalten? NEIN, das ist falsch!

Und wie ist die Öffnung der Flüchtlingsquartiere durch Innenminister Kickl zu beurteilen?

1) grundsätzlich ist jedes Hilfsangebot für obdachlose Menschen zu begrüßen
2) gutgemeinte Hilfe ist aber nicht immer gut, dieser Schluss ist aber noch zu schnell
3) ärgerlich ist, dass der Eindruck entstand, es gab nicht ausreichend Betten und Notquartiersplätze, was nicht der Fall war - zumindest in Wien und Salzburg, meines Wissens auch in den anderen Landeshauptstäden
4) noch ärgerlicher war, dass vorab keinerlei Gespräche mit Organisationen gab, die seit vielen Jahren in der Obdachlosenarbeit aktiv sind, um sich ein Bild der Lage zu machen
5) ohne Bedarfsprüfung wurde über die Medien ein Angebot gemacht, am vorletzten Tag der Kälteperiode
6) wäre es sinnvoll diese Woche nachzufragen, wie viele obdachlose Menschen das Angebot des Innenministers angenommen haben, und falls es nicht angenommen wurde, nach den Gründen zu suchen

Alles in allem ist am erfreulichsten, dass es trotz klirrender Kälte so viele Menschen in Österreich gibt, die Wärme schenken. Danke allen, die speziell in den letzten 10 Tagen geholfen und gespendet haben. Gemeinsam ist es uns gelungen, dass niemand auf der Straße erfroren ist. Und das ist mit Quartieren und Schlafsäcken gelungen!

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl